Der Mangturm in Lindau ist eines dieser Bauwerke, an denen man im Vorbeigehen fast achtlos vorbeiläuft – und wenn man dann stehen bleibt und genauer hinsieht, merkt man erst, wie viel Geschichte in diesem unregelmäßigen Steinquader steckt. Ich stand bei meinem letzten Besuch auf der Hafenpromenade, es war später Nachmittag, das Licht fiel schräg auf die gelbe Fassade, und ich fragte mich zum wiederholten Mal: Warum eigentlich ein Turm mitten im Hafen, der gar nicht mehr als Leuchtturm dient?
Die Antwort ist weniger romantisch, als man vermuten könnte. Der Mangturm war über Jahrhunderte tatsächlich das, was heute der neue Leuchtturm am anderen Ende der Hafeneinfahrt ist: ein Orientierungspunkt für Schiffe, ein Wachposten, ein Stück Stadtmauer. Und dann wurde er überflüssig. So wie so vieles, was einmal wichtig war.
Wichtige Erkenntnisse
- Der Mangturm ist ein mittelalterlicher Wehr- und Wachturm am Lindauer Hafen und war bis 1856 Teil der Stadtbefestigung.
- Die Datierung schwankt je nach Quelle zwischen dem späten 12. und dem frühen 13. Jahrhundert – eine exakte Bauzeit ist nicht gesichert.
- Der Turm ist nur zu besonderen Anlässen geöffnet, nicht regulär täglich.
- Der Name geht auf Sankt Magnus zurück, den Schutzpatron der Stadt – nicht auf irgendeine Waschmaschine.
- Seit Jahren gibt es Pläne, den Mangturm dauerhaft zugänglich zu machen; umgesetzt ist das bis heute nicht.
Der Mangturm in Lindau: ein Turm, der aus der Zeit gefallen ist
Wer von der Seebrücke auf die Altstadtinsel zugeht, sieht ihn zuerst von der Seite: einen kompakten, fast klobigen Baukörper aus grauem Stein, obenauf ein spitzes Zeltdach, das je nach Lichteinfall grünlich oder rötlich schimmert. Die unteren Etagen wirken massiv, die oberen sind verputzt und hell gestrichen. Es ist eine Mischung, die man auf den ersten Blick nicht einordnen kann.
Wo genau steht der Mangturm?
Der Turm steht direkt an der Hafenpromenade, an der Ostseite der Insel, unweit des Bayerischen Löwen und des neuen Leuchtturms. Früher ragte er unmittelbar aus dem Wasser, heute führt festes Ufer daran vorbei. Das ist ein Detail, das die meisten Besucher nicht wissen: Der Mangturm war ursprünglich nur über eine schmale Brücke oder einen Steg erreichbar, weil er tatsächlich als wasserseitiger Verteidigungspunkt in die mittelalterliche Stadtmauer eingebunden war.
Die Mauer selbst ist weitgehend verschwunden. Der Turm nicht.
Wie alt ist der Mangturm wirklich?
Hier wird es kompliziert. Ich habe in den vergangenen Jahren verschiedene Führer und Beschreibungen durchgelesen, und die Angaben weichen voneinander ab. Manche nennen das späte 12. Jahrhundert, andere das frühe 13., wieder andere bleiben vage und sprechen von „um 1200". Eine gesicherte Bauinschrift gibt es nicht, und die archivalische Lage ist dünn.
Was man mit relativer Sicherheit sagen kann: Der Mangturm gehört zu einer Gruppe von Türmen, die gemeinsam die mittelalterliche Befestigung Lindaus bildeten – zusammen mit dem Diebsturm und dem Petersturm. Diese Anlage entstand in einer Phase, in der sich Lindau als Handelsstadt am Bodensee etablierte und sich nach außen absichern musste.
Kurz gesagt: Ein genaues Baudatum lässt sich nicht seriös festnageln. Wer eine exakte Jahreszahl nennt, sollte skeptisch gemacht werden.
Vom Leuchtturm zum Denkmal: was der Mangturm eigentlich war
Die wohl spannendste Frage ist nicht, wie alt der Turm ist, sondern was er gemacht hat. Und da wird die Sache handfest.
War der Mangturm ein Leuchtturm?
Ja – in einem sehr weiten Sinne. Man darf sich das nicht wie einen modernen Leuchtturm mitLinse und drehendem Licht vorstellen. Es war ein Wachturm mit Feuerstelle oder Laterne an der Spitze, von dem aus man die Hafeneinfahrt im Blick behielt. Schiffe, die sich Lindau näherten, konnten sich an dem Turm orientieren; bei Nacht oder Nebel signalisierte man von dort aus.
Diese Funktion endete 1856, als der neue Leuchtturm am westlichen Ende der Hafeneinfahrt in Betrieb ging. Man kann sich vorstellen, was das für den Turm bedeutete: Der wichtigste Zweck fiel weg, und damit auch die Notwendigkeit, ihn instand zu halten. Er wurde zum städtischen Nebenschauplatz.
Woher kommt der Name „Mangturm"?
Die naheliegende und in der Literatur üblicherweise genannte Erklärung: Der Name leitet sich von Sankt Magnus ab, dem Patron Lindaus. Der Turm stand in Beziehung zur Verehrung dieses Heiligen, und aus „Magnus" wurde im Sprachgebrauch über die Jahrhunderte „Mang".
Es gibt daneben die hübsche, aber wohl folkloristische Deutung, der Name komme von einem „Wäschemangler" – also von einer Mangel, einem Gerät zum Glätten von Wäsche. Ehrlich gesagt halte ich das für eine dieser Geschichten, die sich gut erzählen lassen und deshalb überlebt haben. Ich würde mich nicht darauf verlassen.
Mangturm besichtigen: was wirklich geht und was nicht
Jetzt zum praktischen Teil, denn das ist der Punkt, an dem viele Besucher enttäuscht werden. Ich habe selbst schon vor verschlossener Tür gestanden, ohne vorher zu prüfen – ein Klassiker.
Ist der Mangturm geöffnet?
Nicht regulär. Der Turm ist kein Museum mit festen Öffnungszeiten, sondern wird nur zu bestimmten Anlässen aufgeschlossen – etwa bei Stadtfesten, beim Hafenweihnachtsmarkt, bei Lesungen oder Märchenstunden. Wer einfach so hinaufsteigen will, hat schlechte Karten.
Das ist schade, aber nachvollziehbar: Der Innenraum ist eng, die Treppe steil, und der Turm ist nicht barrierefrei. Ein dauerhafter Publikumsverkehr würde dem Bauwerk schlicht nicht guttun.
Was kostet der Eintritt?
Bei den Gelegenheiten, bei denen der Turm geöffnet ist, werden üblicherweise kleines Eintrittsgeld verlangt – in der Vergangenheit lag es im Bereich von wenigen Euro für Erwachsene, mit Ermäßigung für Kinder. Ich würde hier keine exakten Beträge in Stein meißeln wollen, weil sich das je nach Veranstaltung ändern kann. Wer plant, sollte die aktuellen Angaben der Stadt Lindau oder des örtlichen Verkehrsvereins prüfen.
Was sieht man von oben?
Das ist der Lohn für den Aufstieg: Von der oberen Ebene blickt man über den Hafen, auf den Bayerischen Löwen, den neuen Leuchtturm, den Lindaviabrunnen am Ufer und bei klarem Wetter weit über den Bodensee Richtung Bregenz und Schweizer Ufer.
Ich habe das einmal bei Föhnwetter erlebt – die Sicht war so klar, dass man die Berge im Hinterland scharf erkennen konnte. Ein anderes Mal war der Turm offen, aber es regnete waagerecht, und ich bin nach zwei Minuten wieder runter. So ist das manchmal.
| Merkmal | Details |
|---|---|
| Standort | Hafenpromenade, Altstadtinsel Lindau, direkt am Bodensee |
| Bauzeit | spätes 12. bis frühes 13. Jahrhundert, exakte Datierung umstritten |
| Funktion historisch | Wachturm, Signalpunkt, Teil der Stadtbefestigung, Leuchtturmersatz bis 1856 |
| Zugang | nur bei Veranstaltungen und Sonderöffnungen |
| Barrierefreiheit | nicht gegeben (steile Treppe, enge Räume) |
| Namensherkunft | vermutlich nach Sankt Magnus, dem Stadtpatron |
Warum der Mangturm seit Jahren im Gespräch bleibt
Es gibt einen Punkt, der in den meisten Kurzbeschreibungen fehlt: Seit geraumer Zeit wird diskutiert, den Mangturm dauerhaft zugänglich zu machen und konzeptionell aufzuwerten – etwa im Rahmen eines städtischen oder museumspädagogischen Nutzungskonzepts. Was in Konzeptpapieren steht, ist das eine; was tatsächlich umgesetzt wurde, ist etwas anderes.
Mein Eindruck: Der Turm ist zu klein für ein eigenständiges Museum und zu bedeutend, um ihn einfach als Kulisse stehen zu lassen. Diese Spannung ist bis heute nicht aufgelöst. Wer die offiziellen Stellen fragt, bekommt meist eine vorsichtige Antwort.
Märchenstunde, Lesungen, Feste – was dort stattfindet
Tatsächlich hat sich der Mangturm in den letzten Jahren immer wieder als kleine Veranstaltungsbühne bewährt. Märchenstunden für Kinder gehören dazu, gelegentlich Lesungen, und beim Hafenweihnachtsmarkt ist er als Kulisse kaum wegzudenken. Das sind überschaubare Formate – aber genau deshalb funktionieren sie. Der Turm ist kein Ort für Massenveranstaltungen, und das ist auch gut so.
Warum der Mangturm ein so beliebtes Fotomotiv ist
Wenn Sie mit einer Kamera unterwegs sind, lohnt sich der Weg. Der Turm ist kompakt, die Proportionen sind ungewöhnlich, und je nach Tageszeit ergibt sich ein völlig anderes Bild. Vormittags liegt er oft im Schatten, spätnachmittags wird die gelbe Fassade warm beleuchtet. Ich habe bestimmt zwei Dutzend Aufnahmen gemacht, bevor mir eine gefiel – nicht, weil der Turm schwierig ist, sondern weil man sich erst von der naheliegenden Perspektive lösen muss.
Ein praktischer Hinweis: Der Turm wirkt am besten im Kontext. Allein fotografiert, verliert er. Zusammen mit dem Hafen, dem Wasser oder den Booten entfaltet er seine Wirkung.
Was bleibt
Vielleicht ist der Mangturm gerade deshalb so faszinierend, weil er nicht mehr gebraucht wird. Kein Schiff richtet sich heute nach ihm, keine Wache steht oben, kein Feuer brennt. Er ist ein steinerner Überrest einer Zeit, in der Lindau sich an der Wasserlinie behaupten musste, und er steht einfach weiter da, während um ihn herum Boote anlegen, Touristen fotografieren und der Hafenweihnachtsmarkt Lichterketten aufhängt.
Wer ihn besuchen will, sollte sich vorher informieren und nicht auf gut Glück anreisen. Wer die Tür verschlossen vorfindet, hat trotzdem etwas gesehen: einen der wenigen Orte in Lindau, an denen die Stadtgeschichte nicht inszeniert, sondern einfach stehen geblieben ist. Und manchmal ist genau das mehr wert als ein geöffnetes Museum.